Rassist*innen sind, frei nach Sartre, immer die anderen. Wer so denkt, lebt in Happyland, meint die Autorin Tupoka Ogette. Der Aufenthalt in dieser traumhaften Sphäre habe etwas mit Glauben zu tun, dem Glauben, dass Menschen, die es gut meinen, die sogar für eine offene, tolerante, vielfältige Gesellschaft sind, keine Rassist*innen sein können, erklärte Ogette in ihrer Keynote zum Studientag „Rassismuskritisch Kirche sein“ der Fachstelle Interkulturell Evangelisch in Bayern am 13. Juni 2026 in Nürnberg. Ihre Forderung: „Wir müssen raus aus Happyland.“ Das ist hart, denn es geht ans Eingemachte. „Die Rechtsextremen sind nur die Spitze des Eisbergs“, erklärte Ogette den Teilnehmenden des Studientags, „Happyland ist die Basis, aus der dieser Eisberg besteht.“ Soll heißen: Rassismus durchdringt, unter anderem bedingt durch die Kolonialzeit mit ihren Phantasien von „weißer Überlegenheit“, unsere Gesellschaft mehr oder weniger subtil in ihren grundlegenden Strukturen, in Bildern, Büchern, Bildung, in Sprache und Redeweisen. Die Diskussionen, die aus der Konfrontation mit dieser Sichtweise entstehen, kennt auch Tupoka Ogette. „Ich bin doch kein*e Rassist*in“ ist eine typische Reaktion. Oder: „Das ist doch keine rassistische Ausdrucksweise“. Aus Sicht der Rednerin sind diese „Debatten, die sich daran aufhängen, was rassistisch ist“ lähmend und führen zu „Stillstand“ und zu einem „Verenden des Diskurses“. Ihre Formel, diese Problematik aufzulösen und die Energie wieder auf die Erkenntnis und Bearbeitung latenter Rassismen zu lenken: der Unterschied zwischen Rassistisch-sein im Sinne von offenem Rassismus, wie er beispielsweise von Rechtsextremen gelebt und propagiert wird, und Rassistisch sozialisiert-sein, was zu Äußerungen führen kann, die zwar nicht rassistisch gemeint sind, aber insbesondere von Betroffenen so verstanden und empfunden werden. Im zweiten Fall ist also nicht unbedingt die sprechende Person rassistisch, sondern die verwendete Sprache. Wieweit diese Unterscheidung geeignet ist, in der Praxis Abwehrmechanismen abzubauen und einen konstruktiveren Dialog zu ermöglichen, wird sich zeigen. Ogette appellierte an die „gesellschaftliche Verantwortung jeder und jedes einzelnen, diese Welt mitzugestalten“. Gerade angesichts eines gegenwärtig stattfindenden „unfassbar erbitterten Backlashs“ in Richtung eines offenen Rassismus sei dieses Engagement für eine rassismuskritische Gesellschaft wichtig. „Noch können wir den Rechtsruck verhindern.“

Wichtig für den Aufbruch in Richtung einer Gesellschaft, die sich Schritt für Schritt von ihrem immanenten Rassismus emanzipiert, ist aber nicht nur individuelles Engagement. „Im Idealfall muss die Führungsetage die rassismuskritische Haltung vorleben“, forderte Tupoka Ogette auch mit Blick auf die Kirchen. Und: „Es braucht eine Priorisierung in den Budgets.“ Diesen Ball nahm Christian Kopp, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB), auf. „Für mich ist das ein Leitungsthema“, versicherte er in seinem Redebeitrag. Für die Transformation der ELKB zu einer rassismuskritischen Kirche brauche es ein finanzielles Budget und viele Engagierte, betonte der Landesbischof. Er sei „dankbar“ für alle, die in ihrem Einsatz für dieses Ziel „nicht nachlassen“.
Der Studientag Rassismuskritisch Kirche sein ist eine Veranstaltung der Fachstelle Evangelisch Interkulturell in Bayern in Kooperation mit: Diakonie Bayern, Evangelische Erwachsenenbildung Bayern (EEB), Evangelische Jugend Bayern (ejb), forum frauen in der Wirkstatt evangelisch, Mission EineWelt (MEW) und Religionspädagogisches Zentrum der ELKB (RPZ Heilsbronn)