Für ihn war seine Arbeit mehr als ein Job. Über 30 Jahre hat Jürgen Bergmann mit Haut und Haaren in der kirchlichen Entwicklungszusammenarbeit gearbeitet, man könnte sagen, er hat diese Arbeit gelebt, weil sie stark mit ihm als Mensch, mit seinen Überzeugungen und seiner Person verbunden war. Nun geht er in den Ruhestand. Gelegenheit, ihm noch einmal ein paar grundsätzliche Fragen zu stellen – zu seinem Berufsleben, zur kirchlichen Entwicklungszusammenarbeit und darüber hinaus.
Man darf Dein Berufsleben innerhalb der bayerischen Mission ja nicht auf die Leitung des Referats Bildung Global reduzieren. Welche Stationen hast Du in all den Jahren durchlaufen?
Vertraglich beginnt die Verbindung mit der ELKB im Jahr 1992 mit einem Vorbereitungsvertrag für den Auslandsdienst in Papua-Neuguinea. Aber eigentlich kann man verschiedene Forschungsarbeiten in Indien und Kenia seit 1987 ebenfalls dazu zählen, ich war damals Stipendiat der Evangelischen Studienstiftung bzw. von der EKD gefördert unterwegs. Ausgereist sind dann im Januar 1993 meine Frau Anja, unser Sohn Axel und ich. Ich wurde in ein Regionalteam des Lutherischen Entwicklungsdienstes in Finschhafen aufgenommen und durfte die letzten zweieinhalb Jahre in Lae dem damaligen Direktor des Dienstes, Fua Singin, assistieren. Im Sommer 2000 kamen wir zurück nach Deutschland. Das ist sozusagen Etappe Nummer eins.
Anders als Pfarrerinnen und Pfarrer geht ein Entwicklungshelfer dann in die Arbeitslosigkeit. Zunächst stand Neuorientierung auf dem Programm. Nach siebeneinhalb Jahren Ausland hast Du ja Deine Kontakte erstmal auch nicht mehr. Als ich anfing, meine beruflichen Möglichkeiten zu sondieren, stieß ich unter anderem auf eine Stellenausschreibung des Kirchlichen Entwicklungsdienstes (KED) Bayern. Auf die Stelle hatte mich Hans-Martin Schöll, bis 1989 Beauftragter für den kirchlichen Entwicklungsdienst und später einer meiner Kollegen in Papua-Neuguinea, aufmerksam gemacht. Die Kombination aus Bildungsarbeit und Projektmittelvergabe hat mich angesprochen. Nach mehreren Auswahlverfahren habe ich diese Aufgabe als KED-Beauftragter und Leiter des KED in Bayern dann im April 2001 vom Landeskirchenamt übertragen bekommen. Damals war der KED eine selbständige Einrichtung, angegliedert ans Diakonische Werk Bayern. Der Schwerpunkt der Bildungsarbeit des KED bestand zu dieser Zeit in einer recht massiven Ausstellung über Brasilien, die in einem 20-Fuß-Container mit dem Tieflader von Ausstellungsort zu Ausstellungsort transportiert wurde. Nach zehn Jahren war diese Ausstellung, als ich anfing, allerdings ziemlich am Ende ihrer Laufzeit angelangt. Wir mussten also etwas Neues bringen und haben Bildungsmaterialien zum Schwerpunkt unserer Arbeit gemacht. Das war gewissermaßen der Anfang der Erfolgsgeschichte „Eine Welt in der Kiste“.
Im Jahr 2005 wurde der KED dann direkt eine Einrichtung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB). Zuvor waren die Verwaltungsgebühren beim DW Bayern gestiegen, und es gab Bestrebungen, den KED ins DW einzugliedern. Letzteres widersprach aber der Grundkonzeption des KED als eigenständige Einheit. Der Übergang zur ELKB wurde dann mit großer Unterstützung aus der Landessynode vollzogen. Mit der Anbindung an die ELKB ergab sich die Möglichkeit, näher mit dem damaligen Missionswerk Bayern zusammenzurücken. Mit dem damals in München angesiedelten Lateinamerikabeauftragten Wolfgang Döbrich gab es ohnehin schon eine enge Arbeitsbeziehung. Was er in Brasilien und Zentralamerika an Partnerschaftsarbeit und Projektunterstützung betrieben hat, konnten wir beim KED in die Bildungsarbeit einfließen lassen. Bei Studientagen, Brasilientagen und der Lateinamerikawoche haben wir eng kooperiert. Mit ihm brachte ich die ersten Freiwilligenentsendungen auf den Weg, noch bevor es die wichtige finanzielle Förderung „Weltwärts“ aus dem BMZ gab.
Dann kam die Idee, aus drei Einrichtungen eine größere zu machen. Die Gespräche dazu fanden auf verschiedenen Ebenen hauptsächlich im Jahr 2006 statt. Das Ergebnis war die Schaffung von Mission EineWelt als Zentrum für Partnerschaft, Mission und Entwicklung ab 2007. Bei Mission EineWelt war ich dann Leiter des Referats Entwicklung und Politik und Landeskirchlicher Beauftragter für den KED. Im Jahr 2022 wurden dann aus drei Inlandsreferaten von Mission EineWelt zwei: Begegnung Weltweit und Bildung Global. Letzteres habe ich bis vor kurzem geleitet.
Aus der Perspektive von über 30 Jahren mittendrin: Wie würdest Du die Entwicklung der kirchlichen Entwicklungszusammenarbeit beschreiben?
Ich glaube, ganz im Vordergrund steht ein gewachsenes Selbstbewusstsein und Selbstverständnis unserer Partnerkirchen. Damit ist das, was wir immer – auch oft ganz persönlich, nicht nur als Teil einer Organisation – in der Entwicklungszusammenarbeit wollten, tatsächlich auch eingetreten. Dieses Selbstbewusstsein der Partner macht sich auch bemerkbar in der Projektunterstützung. Am deutlichsten wurde mir das unlängst bei einem Besuch in Liberia im Jahr 2025. Es ging darum, ob wir aus Mitteln des KED den Wiederaufbau einer Schule gegebenenfalls mitfinanzieren. Auf meine Frage, warum wir das tun sollten, antwortete die Vorsitzende des Ausschusses, der für die Schule zuständig ist: „Wir wollen Euch die Möglichkeit geben, an unserer Erfolgsgeschichte teilzuhaben.“ Wie wunderbar ist damit Partnerschaft beschrieben! Es geht nicht darum, dass die einen etwas haben und die anderen etwas nehmen. Sondern es gibt die Notwendigkeit, diese Schule zu bauen. Und das würden die liberianischen Partner zur Not auch ohne finanzielle Unterstützung aus Bayern oder sonst woher schaffen. Aber wir dürfen mit dabei sein, und dadurch wird der Schulbau früher fertig. Und man hat gleichzeitig eine Beziehung zueinander aufgebaut. Das verstehe ich unter Partnerschaft, und an diesen Punkt sind wir in vielen Fällen mit unserer kirchlichen Entwicklungszusammenarbeit inzwischen hingekommen.
Was nimmst Du aus Deinem Berufsleben mit in den Ruhestand?
Was ich mitnehme und was mir auch niemand nehmen kann, sind die Begegnungen mit Menschen auf den unterschiedlichsten Ebenen, also mit Partnern in der weltweiten Kirche, mit Praktikantinnen und Praktikanten, Trainees, Mitarbeitenden, Menschen aus dem Eine Welt Netzwerk Bayern und aus dem ganzen Netz der kirchlichen Entwicklungsdienste in Deutschland. Eine Kollegin, die vor einigen Jahren als KED-Beauftragte aufgehört hat, um eine andere Aufgaben in ihrer Kirche zu übernehmen, hat mir geschrieben, dass die Zeit als KED-Beauftragte die beste ihres Lebens gewesen sei, weil sie in diesem Kontext mit den tollsten Menschen zu tun gehabt hätte, die es gibt. Je mehr ich darüber reflektiere, kann ich das auch sagen.
Wenn man sich die Priorisierungen insbesondere im Bundeshaushalt anschaut, sind die Mittel für Entwicklungszusammenarbeit fortgesetzt rückläufig. Muss man daraus ableiten, dass Entwicklungszusammenarbeit, auch die kirchliche, sich aktuell in einer Art Marginalisierungsprozess befindet? Wird in der Folge die Zukunft geprägt sein von Abschottung und „Wir zuerst“? Und wie siehst Du vor diesem Hintergrund die Zukunft der Arbeit von Mission EineWelt?
Es ist in der Tat so, dass viele Einsichten, die lange selbstverständlich waren, heute nicht mehr gelten, und dass viele Routinen, auf die man sich verlassen konnte, nicht mehr ablaufen. Es war beispielsweise immer so, dass der Haushalt des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung einen guten Stand hatte und zudem immer von allen beteiligten Parteien nochmals aufgestockt wurde. Inzwischen ist das Gegenteil der Fall. Es ist leider richtig: Wir erleben in Sachen Entwicklungszusammenarbeit gerade schwierige Zeiten. Für alle, die sich in Partnerschafts- und Entwicklungszusammenarbeit engagieren, also auch für Mission EineWelt, geht es jetzt darum, offensiv zu erzählen, warum unsere Arbeit so wichtig ist. Wir als Kirche müssen dabei aufpassen, mit welchen Argumenten wir die Bedeutung unserer Arbeit unterstreichen. Staatliche Stelle können sagen, sie bekämpfen Fluchtursachen oder sie steuern mit ihrer Entwicklungszusammenarbeit eine sicherheitspolitische Komponente bei, indem sie Türen bei anderen Regierungen öffnen. Oder sie nehmen die Wirtschaftsförderung als Argument, nach dem Motto „Entwicklungszusammenarbeit nützt auch der hiesigen Wirtschaft“. Das ist alles richtig und darf auch benannt werden, aber wir als Kirche sollten uns auf das besinnen, was für uns im Vordergrund steht: die geschwisterliche Solidarität. Dass die, die mehr haben, teilen mit denen, die weniger haben – ohne gleichzeitig aus den Augen zu verlieren, wie wichtig das Miteinander ist. Aus meiner Sicht dürfen wir als Kirche uns verstärkt auf diese christliche Motivation berufen. Und ich denke, das ist stark genug. Und wir haben ja viele Geschichten zu erzählen, die aus dieser miteinander gelebten Solidarität entstanden sind.
Nochmal zusammenfassend: Wir können es uns zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht leisten, keine Entwicklungszusammenarbeit zu betreiben. Es geht nicht, dass wir die Mittel für die internationalen solidarischen Aktivitäten und die Katastrophenhilfe weiter reduzieren. Es geht nicht, nicht für uns Christenmenschen und eigentlich auch nicht für alle anderen vernünftigen Menschen, dass Geflüchtete, die in Lagern ausharren, nicht einmal mehr genug zu essen haben. Die weltweiten Herausforderungen sind nur gemeinsam lösbar. Wir als Kirche dürfen in den Zusammenhängen, in denen wir tätig sind, immer wieder klarmachen: Wir haben es erlebt, dass es geht, und ja, eine andere, eine bessere Welt ist möglich. Und dann hoffen, dass aus diesen kleinen, aber guten Beispielen heraus etwas wächst. Das ist unser aktives Wirken. Aber darüber hinaus haben wir noch unsere prophetische Stimme. Die motiviert uns dazu, auch politisch aktiv zu werden. Wir müssen heute mit klaren Aussagen auf das hinweisen, was wichtig und richtig ist – wie wir es zuletzt in Sachen Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz getan haben, oder vor über 10 Jahren in Sachen Finanztransaktionssteuer. Mit beiden Kampagnen sind wir sehr weit gekommen, bis hinein in den Gesetzgebungsprozess. Da hätte sich wirklich etwas verändern können. Aber massiver Lobbyismus mit sehr viel Macht und Einfluss dahinter hat leider dafür gesorgt, dass diese vernünftigen Ansätze inzwischen so „weich gekocht“ wurden, dass sie kaum mehr wirksam sind. Das heißt aber nicht, dass wir es nicht weiter versuchen sollen. Es ist an der Zeit, in Sachen Besteuerung von Superreichen etwas voranzubringen. Und es ist an der Zeit, unser schon seit Jahren laufendes Engagement für Klimaschutz und Klimagerechtigkeit noch weiter zu intensivieren. Immer mehr Menschen realisieren, dass es insbesondere in den genannten Zusammenhängen nicht weitergehen kann wie bisher. Fromm sein heißt heute auch politisch sein.
Schauen wir nochmal kurz in die Zukunft: Welche drei guten Wünsche würdest Du Deinem Nachfolger als Leiter des Referats Bildung Global, Simon Wiesgickl, mitgeben?
Au weia. Da es ja keine persönliche Übergabe geben wird, habe ich schon seitenweise Ratschläge und Informationen formuliert und hinterlassen. Und jetzt soll ich mich auf drei reduzieren?
Ja, bitte drei kurze und knackige Wünsche
Da muss ich gründlich nachdenken. Zunächst wünsche ich ihm, dass er sich nicht von der Fülle der Aufgaben und dem breiten Themenspektrum einschüchtern lässt. Als Zweites wünsche ich ihm, dass er sich nicht scheut, auch große Ziele in den Blick zu nehmen, gerade auch im Hinblick auf Kampagnen. So viel Power wie im Referat Bildung Global gibt es woanders in der Zivilgesellschaft nur noch selten. Apropos Kampagne: Ganz neu ist zum Beispiel der Beitritt von Mission EineWelt zum Fossil Fuel Non Proliferation Treaty. Das ist ein Projekt, das unsere Partnerkirchen im Pazifik mit initiiert haben, und mit dem wir einen großen Schritt in Richtung Klimagerechtigkeit machen könnten. Dafür sollten wir werben und uns einsetzen. Und last but not least wünsche ich ihm, dass er die Freude an seiner Arbeit nicht verliert. Und diese Freude hat man tatsächlich reichlich, weil man es in diesem Job, siehe oben, mit den besten Menschen zu tun hat, die auf dieser Erde herumlaufen. Das meine ich wirklich so! Das ist ein Privileg und immer wieder Grund zur Freude.
Zukunft, Teil 2: Jetzt geht es um Dich. Schließt Du im Ruhestand komplett ab mit dem, was Du über 30 Jahre lang gemacht hast, oder nimmst Du noch was mit?
Es gibt einige Musikprojekte, in denen ich aktiv bin. Da möchte ich mehr machen als bisher. Aber ich bleibe auch der Einen Welt verbunden, unter anderem beim Deutschen Menschenrechtsfilmpreis, in der Fair Toys Organisation sowie im Vorstand des EineWelt Netzwerks Bayern. Andere persönliche Berufungen, wie mein Engagement bei Brot für die Welt, werden so langsam auslaufen.