EN

Navigation
Kontakt
Mission EineWelt
Hauptstraße 2
91564 Neuendettelsau
Zentrales Spendenkonto

ELKB Mission Eine Welt
IBAN: DE12 5206 0410 0001 0111 11
BIC: GENODEF1EK1
Evangelische Bank eG

„Die Kirche sollte eine Mahnerin bleiben“ – Interview mit Dorcas Parsalaw

„Die Kirche sollte eine Mahnerin bleiben“ – Interview mit Dorcas Parsalaw
Kontakt & weitere Informationen
Kehrt zurück nach Tansania: Dorcas Parsalaw (Foto: Thomas Nagel)
Kehrt zurück nach Tansania: Dorcas Parsalaw (Foto: Thomas Nagel)

Für fünf Jahre ist Dorcas Parsalaw von Tansania nach Neuendettelsau gekommen, um als ökumenische Mitarbeiterin bei Mission EineWelt an der Umsetzung des vom, Lutherischen Weltbund initiierten Programms „Waking the Giant“ mitzuarbeiten. Mit diesem Programm sollen die lutherischen Kirchen weltweit dafür aktiviert werden, sich für die Verwirklichung der UN Nachhaltigkeitsziele, auch bekannt als Sustainable Development Goals (SDGs), einzusetzen. Keine leichte Aufgabe. Im Interview spricht Dorcas Parsalaw über diese Arbeit, über mehr oder weniger wache Riesen und darüber, was sie künftig in Tansania vorhat.

Wie fühlst Du Dich kurz vor Deiner Rückkehr nach Tansania? – Mehr nach Abschied oder mehr nach Aufbruch?

Diese Frage wird mir oft gestellt. Um ganz ehrlich zu  sein: Ich schiebe das ein wenig vor mir her. Ich reise Ende August ab. Manchmal hoffe ich, dass die Leute einfach denken, ich sei im Urlaub. Es ist so ein Zwischending. Ich weiß, dass ein Aufbruch kommt, aber es gibt auch den Abschied.

Und wie sind die Abschiedsgefühle?

Es ist schon auch traurig. Ich habe ja lange und tatsächlich auch sehr gerne in Neuendettelsau gelebt.

Welche Pläne hast Du für die nächste Zeit?

Ich ziehe nach Daressalam. Es geht erstmal um einfache Dinge: eine Wohnung finden und eine Schule für meine Kinder. Ich schaue auch schon nach Jobs, in denen ich weiter an dem Thema arbeiten kann, das auch hier den Schwerpunkt meiner Arbeit ausgemacht hat, die UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs).

Wenn Du zurückschaust: Was war schwierig beim Ankommen hier? – Was war vielleicht überraschend einfach?

Schwierig war tatsächlich, in der Corona-Zeit hier anzukommen. Vieles, was in Sachen Willkommen und An- bzw. Reinkommen geplant war, musste abgesagt werden. Andererseits war es dann doch erstaunlich einfach, reinzukommen in das Arbeiten im Home Office und mit virtuellen Besprechungen. Dadurch, dass ich gemerkt habe, wir fangen das alle gemeinsam an, war es aber wiederum erstaunlich einfach.

Wie schnell hast Du in dieser Situation dann berufliche und private Kontakte knüpfen können?

Vieles lief erstmal über Telefon und Internet. Direkte Kontakte hatte ich zu einer tansanischen Familie hier in Neuendettelsau. Das war wirklich ein dringend notwendiger Kontakt. Denn auch gerade mit zwei Kindern war es schon schwierig, anzukommen, ohne jemand zu kennen und mit erschwerten Bedingungen fürs Kennenlernen. In der tansanischen Familie gab es auch zwei Kinder. Nach den Lockerungen durften wir uns treffen. Das hat uns super gut getan.

In Deiner Arbeit hast Du Dich ja mit den SDGs, der Agenda 2030 und dem Programm „Waking the Giant“ des Lutherischen Weltbundes beschäftigt. Ist der schlafende Riese Kirche Deiner Einschätzung nach aufgewacht? – Oder wacht er noch auf bis 2030?

(Seufzt) Ach, ich sag’s mal so: Dieser Riese war am Aufwachen. Er wird öfters wachgerüttelt, und dann richtet er sich auf und schaut hoch. Aber manchmal schaut er weg oder dreht sich um und schläft wieder ein.

Kannst Du das konkretisieren?

Man kann an einigen SDGs tatsächlich arbeiten. Und diesbezüglich würde ich sagen, dass man den Riesen wachrütteln konnte. Beispielsweise sind wir sehr gut gestartet mit dem Einsatz für ein wirksames Lieferkettengesetz. Daran waren ja viele Kolleginnen und Kollegen hier im Haus beteiligt. Es ging so schön voran und der Riese war super aktiv. Aber irgendwann hat er sich schläfrig oder vielleicht schmerzvoll weggedreht. Irgendetwas hat der Kirche den Mut genommen, dass es nicht mehr voranging.

In der Bildungsarbeit war der Riese hellwach. Leute wurden aufgeklärt, was die SDGs sind, wie sie zusammenwirken, und zwar in unterschiedlichen Kontexten, mit unterschiedlichen Gruppen, lokal, bayern- und deutschlandweit, international mit den Partnerschaften. Auf der Bildungsebene hat das super funktioniert. Es gab sehr gute Rückmeldungen und die Leute haben engagiert mitgemacht.

Aber in der Umsetzung der gewonnenen Erkenntnisse wurde es wieder schwierig. Da wurde der Riese wieder bequem, war vielleicht auch nicht laut genug. Insgesamt glaube ich, in Sachen SDGs könnte man noch mehr machen.

Mehr machen – wie meinst Du das?

Die Kirche sollte eine Mahnerin bleiben. Dafür würde ich der Kirche Mut machen. Sie sollte nicht still sein, wenn sie laut sein könnte. Die Kirche als Institution kann mehr bewirken als einzelne Personen. Der Riese muss sich nur seines Potenzials bewusst sein, er repräsentiert viele Menschen. Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass die Kirche da ein bisschen zurücksteckt, vielleicht der Harmonie wegen.

Ist die Kirche in Bayern und Deutschland Deiner Einschätzung nach tatsächlich noch ein Riese? Sie verliert ja seit Jahren Mitglieder.

Die Kirchenglocken läuten immer noch. Die Kirche kann immer noch mehr machen, um der Riese zu sein, der sie eigentlich ist. Vielleicht macht sich die Kirche auch kleiner als sie ist und ist deshalb nicht so sichtbar. Und eigentlich brauchen die Leute auch die Kirche. Vielleicht sollte man sich fragen, ob der Mitgliederschwund gerade damit zusammenhängt, dass die Kirche sich klein macht. Und vielleicht hat es auch damit zu tun, dass die Kirche sich zu wenig öffnet.

Für wen oder was sollte sie sich öffnen?

Zunächst ein Mal sollte die Kirche nicht nur warten, dass Menschen kommen, sondern auf die Menschen zugehen. Und sie sollte auch die Leute mehr wertschätzen, die kommen und da sind. Auch die, die neu dazukommen, könnte die Kirche herzlicher willkommen heißen.

Du möchtest ja auch in Tansania weiter an den SDGs arbeiten. Wie schätzt Du die Evangelisch-Lutherische Kirche in Tansania (ELCT) in Sachen SDGs ein? Wieviel Einfluss hat sie?

Die ELCT ist auch ein Riese. Sie kann viel tun und ist auch auf vielen unterschiedlichen Feldern, vom Bildungssektor bis zum Gesundheitswesen, aktiv. Das sind ja alles Punkte, für die auch die SDGs bzw. die Agenda 2030 relevant sind. Und sowohl innerhalb der SDGs als auch innerhalb der diakonischen Arbeit der Kirchen gibt es Zusammenhänge: Beispielsweise hat das Nachhaltigkeitsziel 3, in dem es um Gesundheit und Gesundheitsversorgung geht, auch sehr viel mit dem SDG 2 zu tun, wo es um Bekämpfung von Hunger geht und das Recht auf Nahrung, und genauso mit dem SDG 1, „keine Armut“. Und dazu kommt dann noch Bildung, also SDG 4, als wichtiger Faktor für ein selbstbestimmtes Leben. Unterm Strich ist die ELCT in puncto SDGs sehr gut aufgestellt und arbeitet auch schon lange an deren Umsetzung. Aber es geht natürlich immer noch mehr.

Wie schätzt Du die aktuelle politische Situation in Tansania ein. Ein führender Oppositionspolitiker wurde im Vorfeld der kommenden Wahlen verhaftet. Ist die Demokratie in Gefahr?

Generell ist derzeit ja leider weltweit ein Trend in Richtung Totalitarismus zu beobachten. Wo man hinschaut, wird an demokratischen Werten gerüttelt. Und wenn ich an die politische Situation in Tansania denke, habe ich schon Bauchschmerzen im Gedanken daran, nach Hause zu gehen. Ich gehe aber trotzdem. Vielleicht ist das genau in diesem Moment wichtig. Ich denke, dass gerade solche Momente, in denen etwas wegzukippen droht, auch Chancen bieten, etwas zum Positiven zu verändern. Es geht um Meinungsfreiheit, um mehr Gewaltenteilung, um die Rechte und den Schutz der Opposition. Mit diesem Gedanken gehe ich zurück.

Interview: Thomas Nagel

von Thomas Nagel