Im Jahr 2003 war Bischof Gideon Chang (vordere Reihe Mitte) mit einer Besuchergruppe aus Malaysia im damaligen Missionswerk (heute Mission EineWelt) zu Gast. Links von ihm steht Pfarrer Gernot Fugmann, der den Nachruf geschrieben hat © Gerlinde Grossmann

Nachruf auf den ehemaligen Bischof der Lutherischen Kirche in Malaysia und Singapur

Gideon Chang wurde 1937 in China geboren. Als er 10 Jahre alt war, floh er mit seiner Mutter und den Geschwistern nach Singapur in das seinerzeit noch von England verwaltete Gebiet. Weil die chinesischen Flüchtlinge verdächtigt wurden, die kommunistischen Rebellen im Norden Malaysias zu unterstützen, wurden sie in umzäunten Lagern, den so genannten „New Villages“, untergebracht.

Die aus dem kommunistischen China deportierten christlichen Missionare wurden in diesen Lagern eingesetzt, um neben ihrer missionarischen Tätigkeit, medizinische Versorgung und Schulen zu organisieren. Diese Zeit hat den jungen Gideon lebenslang geprägt – die Verwurzelung in der chinesischen Kultur und die Beobachtung des im Vergleich zu den Engländern und Missionaren geringen Bildungsstands der „New Village“-Bewohner.

Die Lutherische Kirche in Malaysia und Singapur entstand aus dieser Arbeit. Mit 16 Jahren hat Chang den christlichen Glauben angenommen und wurde einige Monate später getauft. Ab 1958 besuchte er eine Bibelschule, hatte aber stets das Bedürfnis nach einer fundierten theologischen Ausbildung, die er in späteren Jahren in Taiwan absolvierte. 1978 gründete er – gegen den Widerstand der eigenen Lutherischen Kirche – zusammen mit anderen protestantischen Gruppen das Malaysia Bible Seminary.

1979 besuchte er das Ostasienseminar “Die Kirche der Reformation im Lande der Reformation“ in Neuendettelsau, das im Jahr 1977 von dem damaligen Missionswerk-Direktor Horst Becker initiiert worden war. Damit waren auch die Grundsteine gelegt für eine stetig wachsende Kooperation, die im Jahr 1989 mit der Lutherischen Kirche in Malaysia und Singapur formell vereinbart wurde.

Von 1993 – 2003 war Gideon Chang Bischof dieser Kirche. Mehrmals hat er die bayerische Landeskirche besucht. Besonders dankbar war er für den finanzielle und personelle Unterstützung.

Als Bischof hatte er zwei große Anliegen: Das missionarische Engagement seiner Kirche zu beleben und die Vereinbarkeit von christlichem Glauben und der chinesischen Kultur aufzuzeigen.

Es ist unglaublich, was er alles initiiert hat. Nicht alles ist gelungen, weil er oft seine Pastoren und Gemeinden überfordert hat: Nur einiges sei erwähnt:

  • Eine offene, sozialpädagogische Jugendarbeit unter Schülern und Studenten, um die christliche Botschaft im chinesischen Kontext zu vermitteln,
  • Der Wiederaufbau christlicher Gemeinden in den vormaligen „New Villages“
  • Fortbildungskurse für christliche Leiter in Südchina, Myanmar und Vietnam
  • Gründung von Seniorenheimen und Tagesstätten.
  • Intensivierung der missionarischen Arbeit unter den von der Regierung vernachlässigten „Senoi“, der Urbevölkerung Malaysias.
  • Ein besonderes Dialog-Programm zu Themen der „Kultur-Christen“ mit ausgewählten Professoren chinesischer Universitäten.
  • Mitbegründer des vom Lutherischen Weltbund in Asien unterstützten „Mekong Mission Forum“, das die missionarische und diakonische Arbeit in Südostasien koordiniert.

Bischof Gideon Chang war eine inspirierende Person, der es gelungen ist, das Wesentliche des Glaubens an Jesus Christus mit seiner Liebe zur chinesischen Kultur in Einklang zu bringen. Wer ihn, wie ich im Umfeld der neu entstandenen Gemeinden in China erlebt hat, die Menschenschlangen, die nach den Gottesdiensten seinen persönlichen Segen erbeten haben und seine unbefangene Zuwendung zur einfachen chinesischen Bevölkerung, der wird erfahren haben, wie sehr sein Glaube von missionarischer Hingabe durchdrungen war. Seiner Kirche hat er eine nachhaltige Erbschaft hinterlassen: Jede kirchliche Selbstgenügsamkeit verschließt die Augen vor den Herausforderungen, die Gottes Mission vor unsere Füße legt.

In den Jahren nach seinem Ruhestand war er zunächst öfters in seiner geliebten Heimat China unterwegs, eingeladen von den vielen neu gegründeten Gemeinden und hat dort Fortbildungskurse durchgeführt. Die wachsende Aufgeschlossenheit vieler Chinesen für den christlichen Glauben hat er als besondere Aufgabe erkannt und dies als Gottes persönliches Eingreifen im historischen Wandel Chinas betrachtet.

In den letzten Jahren nach dem Tod seiner Frau war er zunehmend gesundheitlich angeschlagen. Am 24. Januar ist Bischof Gideon Chang nach einer zunächst überstandenen Lungenentzündung friedlich verstorben.