Johanna Schmotz war gerade in der 1. Grundschulklasse, als ihre Eltern 1976 mit ihr und ihrem jüngeren Bruder zunächst zur Vorbereitung nach England und dann nach Papua-Neuguinea (PNG) ausreisten. Ausgesendet von Dienste für Übersee, einer kirchlichen Nichtregierungsorganisation, die Fachkräfte für Entwicklungsprojekte an Organisationen wie Brot für die Welt vermittelt, arbeitete der Vater von Schmotz im Yagaum Hospital in der Nähe von Madang als Leiter des Health Centers. Nach drei Jahren ließen die Eltern Johanna Schmotz nach einem Heimaturlaub bei der Großmutter mütterlicherseits in Neuburg an der Donau zurück, bevor sie für ein weiteres Jahr nach PNG gingen. Laut Schmotz „ein saudummes Arrangement, das eigentlich nie funktioniert hat“.
Einfach war das alles nicht für ein zum Zeitpunkt der Abreise sechsjähriges Kind: Abschied nehmen, sich in neuer Umgebung zurechtfinden müssen, wieder Abschied nehmen müssen und wieder zurück in eine fremd gewordene Heimat. Johanna Schmotz hat das über Jahrzehnte beschäftigt. Und schließlich hat sie entschieden, ein Buch (s. Kasten) zu schreiben. Was sie dazu bewegt hat das zu tun, erklärt Johanna Schmotz im Interview.
Was war Ihre Motivation, nach so vielen Jahren ein Buch über diese Zeit zu schreiben?
Diese Erlebnisse von damals und die Zurücksetzung, die ich empfunden habe, als ich in Deutschland bleiben musste, und auch die Anpassungsschwierigkeiten in Neuguinea und danach wieder in Deutschland. Das alles hat sehr gedrückt und war teilweise auch sehr schambesetzt. Es war schwierig, darüber zu reden. Aber irgendwann habe ich gemerkt: Ich will mich aktiv damit auseinandersetzen. Und das habe ich dann in vielerlei Hinsicht getan. Als Sonderpädagogin habe ich aus den Biographien meiner Schüler*innen viel über den Umgang mit Scham, Trauer und Verlustängsten mitbekommen. Das hat mich dazu gebracht, eine Ausbildung zur systemischen Familientherapeutin anzufangen und mich mit solchen Dingen intensiv zu beschäftigen. Nach deren Abschluss war ich an dem Punkt, dass ich sagte: Ich bin jetzt reif, meine PNG-Geschichte niederzuschreiben. Der Schreibprozess hat fünfeinhalb Jahre gedauert. Ich habe ihn als anstrengend, aber auch befreiend erlebt. Ein Anstoß, anzufangen, kam durch die Corona-Pandemie. Eigentlich wollte ich reisen, aber das ging dann erstmal nicht mehr. Also, dachte ich mir, mache ich diese Reise nach innen. Ich habe dann viel recherchiert, viel mit den Eltern und Weggefährt*innen von damals gesprochen. Gleichzeitig habe ich noch einen Schreibkurs absolviert, weil ich das Ganze auch in einer guten Sprache präsentieren wollte.
Worin bestand die Zurücksetzung genau?
Als wir nach England gingen, war ich gerademal ein paar Wochen in der Schule. Ich wurde rausgerissen aus der ersten Klasse in Deutschland und musste dann ohne Englischkenntnisse in England zur Schule. In Neuguinea gab’s nur gelegentlichen Unterricht von meiner Mutter. Und ich musste als weißes Kind von Entwicklungshelfer*innen dort erstmal meine Rolle finden, das war eine wahnsinnige Anpassungsleistung, die man erbringen musste. Und letztendlich wurde das dann damit honoriert, dass man plötzlich alleine in Deutschland stand. In Summe war das einfach schambesetzt, anstrengend (überlegt) … als Kind habe ich das so empfunden: Ich hätte so sehr den Wunsch gehabt, normal zu sein, und war aber alles andere als das, weder in Neuguinea noch danach in Deutschland. Ich war einfach der Exot, der Paradiesvogel, das irgendwie etwas wunderliche Kind.
Wie war für Sie das Ankommen in PNG? Was hat sich für Sie verändert? Was waren die großen Herausforderungen?
Gefühlt hat sich erstmal alles verändert. Das war ja in den 1970ern. Da gab es beispielsweise nicht die Kontaktmöglichkeiten nach Deutschland wie heute. Internet gab’s nicht, Telefongespräche waren sauteuer. Blieb also nur das Briefeschreiben. Ich glaube, die größte Herausforderung lag in dieser exponierten neuen Rolle als Tochter des Chefs. Mit meinen damals 7 Jahren konnte ich das irgendwie so einigermaßen reflektieren, dass da was anders war. Mein Bruder ist fünf Jahre jünger. Der ist viel lockerer in das Ganze reingeschlittert. Mir war dieses Herausgehobensein sehr deutlich. Zudem waren die ganzen Strukturen, also Schule, Verwandtschaft und Freunde, komplett weg. Man hat sich einfach neu orientieren müssen. Es war dann dieses Fixiertsein auf die eigene Familie. Man hat schon andere Missionarsfamilien kennengerlernt, aber das war sehr punktuell. Als Kind konnte man sich nicht so organisieren, dass man ohne weiteres Freund*innen fand, die in der gleichen Situation waren.
Hatten Sie Kontakt mit einheimischen Kindern?
Das gab’s schon. Wir haben auch was zusammen gemacht. Aber das ist, wie gesagt, meinem Bruder wesentlich leichter gefallen. Allerdings sind die einheimischen Kinder nie zu uns ins Haus gekommen. Wir haben uns außerhalb verabredet und Fangen oder Verstecken gespielt. Einmal haben wir sogar miteinander ein Kanu gebaut. Ich bin auch mal mit der Frau des Stellvertreters meines Vaters für ein paar Tage auf eine Insel gefahren und war dann dort das einzige weiße Kind. Bei alldem war mir aber immer sehr bewusst, wie ich den schulischen Anschluss verpasse.
Welche Erfahrungen und Erkenntnisse aus dieser Zeit waren für Sie prägend? Wie haben Sie und Ihre Familie sich in dieser Zeit verändert?
Mein Vater denkt wahnsinnig gerne an die Zeit in PNG zurück. Er sagt immer, wenn die Kinder nicht gewesen wären, wäre er heute noch dort. Meine Mutter hat das Klima schlecht vertragen, sie war oft sehr krank und hat in dieser Zeit auch noch zwei Kinder bekommen. Sie war also sehr beschäftigt. Mein Bruder hat das ganz gut weggesteckt. Die kleinen Geschwister können sich kaum erinnern. Ich persönlich habe einige Angsterfahrungen lange mit mir herumgeschleppt. Die vielen schönen Erinnerungen, die ich habe, waren oft von der Angst überlagert – das ist mir beim Schreiben klargeworden. Und ich war immer auch ein bisschen wütend auf unsere Eltern, weil sie uns diesem abenteuerlichen Leben ausgesetzt haben. Als Jugendliche war ich ganz unglücklich darüber. Der Gedanke, dass die Eltern anderen Menschen geholfen, dabei aber unsere Bedürfnisse so ein bisschen übersehen haben, war schmerzhaft. Über die Jahre habe ich dann gemerkt, dass ich viel Positives mitgenommen habe, auch an Fähigkeiten: Ich kann gut kommunizieren und mich schnell auf neue, auch extreme Situationen einstellen, ich kann mich gut in andere Personen reindenken. Die Fähigkeiten, die ich damals in PNG aufgebaut habe, helfen mir auch in meinem Beruf als Sonderpädagogin. Insofern war PNG eine ideale Vorbereitung.
Welche Bedürfnisse haben ihre Eltern damals übersehen?
Nach mehr Schutz, nach Zugehörigkeit. Fragen wie „Zu welcher Kultur gehöre ich eigentlich?“, „Wohin soll ich mich orientieren?“, „Was sind die Perspektiven für mein Leben?“ – für mich war nicht klar, wie lange wir bleiben würden und wie es danach weitergehen sollte. Unklar war auch, welche Werte gelten. In PNG waren das teilweise ja ganz andere als in Deutschland. Ich fragte mich, wo ich mich diesbezüglich positionieren sollte. Es fehlte auch eine Art Peer Group, in der ich diese Unklarheiten und Ambivalenzen ansprechen hätte können. In der 4. Klasse war ich ein Jahr lang im Internat in Wau. Da gab es endlich mal Kinder, die einer ähnlichen Situation waren wie ich. Da konnte ich andocken und habe mich sehr wohl gefühlt. Das war in meinem letzten Jahr in PNG.
Was hätten Sie Ihrer Einschätzung nach nicht gemacht ohne die Zeit in PNG?
Vielleicht hätte ich mir die Sonderpädagogik nicht zugetraut und die Arbeit als Förderschullehrerin. Vielleicht hätte ich nicht so viele Reisen unternommen. Und vielleicht hätte ich etwas engere Grenzen im Denken und Fühlen. Ich glaube, ich konnte während der Zeit in PNG eine relativ gute Intuition dafür entwickeln, mich auf unterschiedlichste Menschen einzustellen und eine Fähigkeit, Situationen auszuhalten. Ich glaube, das hätte ich ohne diese Erfahrung nicht so geschafft.
Was war die Herausforderung, als Sie wieder in Deutschland waren?
Die große Herausforderung bestand darin, sich wieder in ein Schulsystem einzufügen. Mir fehlten sehr viele Wörter und Kenntnisse. Zudem wusste ich nicht, was „in“ ist, wie man sich kleidet, wie man sich benimmt. Ich war beispielsweise völlig überfordert von der ersten Schulaufgabe, die wir geschrieben haben. Im Grunde war alles erstmal eine Riesenüberforderung. Und dazu kam noch, dass ich das alles ohne Eltern hinbekommen musste, mit einer Oma, die traurig war, weil sie nicht die ganze Familie bei sich hatte. Immerhin kümmerten sich meine Tanten und Freund*innen meiner Eltern um mich. Aber diese Idee, selbst so eine Art „Sozialfall“ zu sein, das war die Herausforderung.
Wie hat sich dieses Zurückgelassen-Sein auf Ihr Verhältnis zu Ihren Eltern ausgewirkt? Wie war das, als die Familie wieder komplett in Deutschland war?
Das ist die Stelle, an der mein Buch endet, weil dann ein völlig neues Kapitel folgte. Das Verhältnis zu meinen Eltern war absolut nicht reibungsfrei. Zum einen hatte ich eine Tendenz zur Überanpassung nach dem Motto „Die dürfen mich nie mehr verlassen“. Ich dachte, ich müsse mich so gut benehmen, dass man mich nicht mehr alleine lässt. Auf der anderen Seite gab es aber auch eine innere Rebellion, auch zusätzlich vor dem Hintergrund, dass die Eltern sehr beschäftigt mit ihrer Wiedereingliederung in Deutschland waren. Das hat aus meiner Sicht viele Jahre in Anspruch genommen. Ich glaube, man hat gehofft, dass wir Kinder uns schon irgendwie wieder gut in Deutschland einfinden würde. Das hat ja auch geklappt, aber es war schwierig. Für meine Eltern war es eine große Überraschung, dass ich nach so langer Zeit dieses Buch geschrieben und damit dokumentiert habe, dass das alles so leicht nicht war.
Spüren Sie jetzt, nachdem Sie das Buch geschrieben haben, eine Erleichterung?
Die Idee war, dem Ganzen mit dem Buch einen Rahmen zu geben und das alles mal differenziert zu beschreiben, mit allen Gefühlslagen rauf und runter. Aber diese Zeit, und was ich damals erlebt und gefühlt habe, wird mich nicht verlassen, es ist permanent da. Aber ich habe meinen Frieden damit geschlossen, dass es so ist, wie es ist. Es wird keine große Krise mehr auslösen, aber es ist auch nicht so, dass ich jetzt eine Genugtuung oder Befreiung spüre. Mir war es auch schon vor dem Buch wichtig diese Zeit aufzuarbeiten, für meine eigenen Kinder. Für die war ja vieles von dem, was ihre Mutter als Kind erlebt hat, unvorstellbar. Auch für meine Kinder und Nichten und Neffen wollte ich das nochmal gewissermaßen „gerahmt“ haben. Jetzt ist klar, der Opa erzählt’s so, die Oma so, und das ist meine Perspektive, wie ich das als Kind erlebt habe.
Waren Sie später nochmal in PNG?
Nein. Meine Eltern waren im Jahr 2001 nochmal mit meinen kleinen Schwestern dort, weil die überhaupt keine Erinnerung daran hatten. Ich konnte mir das lange Zeit nicht vorstellen, auch weil ich die Situation vor Ort für ziemlich gefährlich halte. Aber ich hätte gerne Kontakt zu der Frau, mit der ich damals auf der Insel war und die mich so ein bisschen mit erzogen hat. Leider habe ich auf meine Anfrage keine Antwort bekommen. Mein Vater meint, sie könnte schon gestorben sein. Ansonsten habe ich noch Kontakt zu meiner Grundschullehrerin am Internat in Wau – das finde ich sehr erfreulich -, zu ein paar anderen Entwicklungshelfer*innen von damals und zu einer Freundin aus dem Internat. Wenn wir uns treffen, merke ich, wie sehr die Zeit in PNG immer noch in uns drinsitzt und in den Gesprächen wieder rausdrückt. Diese Verbindungen sind echt schön und wichtig.
Ist Ihnen noch etwas wichtig?
Ja. Mir wäre wichtig, dass Kinder in Zukunft nicht so blauäugig mitgenommen werden, sondern dass man sie besser vorbereitet auf das, was auf sie zukommt. Und dass die Eltern sich bei aller Arbeitsbelastung noch den Blick auf die eigenen Kinder erlauben.
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