Vor Beginn seiner Probezeit als Pfarrer in einer bayerischen Kirchengemeinde bekam Emmanuel Ndoma einen Anruf. Ein Kollege teilte ihm mit, er werde in der Gemeinde nicht willkommen sein. So war es dann auch: „Bei meiner Einführung wurde ich nicht begrüßt, auch nicht im Kirchenvorstand“, schildert der heute 56-Jährige seinen Dienstbeginn. Und auf diese Weise, sagt der Pfarrer, sei es dann weitergegangen. Ein Gemeindeglied wollte nicht, dass sein Vater von Ndoma beerdigt wurde. Ein Mitglied des Kirchenvorstands wollte in einem Gottesdienst, den Ndoma halten sollte, nicht die Lesung übernehmen. Emmanuel Ndoma wandte sich an den Dekan, sagte, diese Verhaltensweisen seien purer Rassismus. Der Dekan, berichtet Ndoma, habe das verneint und erwidert, das sei kein Rassismus, sondern ein „Mangel an Willkommenskultur“. Ein ebenso seltsames wie unverständliches Konstrukt: Als würde das Verhalten der Gemeindemitglieder weniger schwerwiegend, wenn man ein anderes, vermeintlich harmloseres Etikett draufklebt.
Dieses Geschehen hat nicht irgendwann vor langer Zeit stattgefunden – auch wenn das gar nichts entschuldigt -, sondern vor wenigen Jahren. Das Beispiel des wegen seiner Hautfarbe diskriminierten Pfarrers deutet darauf hin, dass die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern noch nicht das ist, was sie sein will: eine Kirche für wirklich alle, ein rassismusfreier und sicherer Raum.
Dieses Ziel wurde einmal mehr am 15. März in Nürnberg beim Studientag „Rassismuskritisch Kirche sein“ propagiert, der von der ELKB-Fachstelle Interkulturell Evangelisch in Bayern veranstaltet wurde. Bevor Emmanuel Ndoma seine Erlebnisse schilderte, stand erstmal die Analyse des Bestehenden auf dem Programm. „Kirche und kirchliche Veranstaltungen sind nicht automatisch rassismusfreie Orte oder safe spaces“, brachte es Nicole Grochowina, Historikerin und Ordensschwester der evangelischen Communität Christusbruderschaft Selbitz, in ihrem Einführungsstatement auf den Punkt.

Den Weg zu einer rassismusfreien Kirche skizzierte Betiel Berhe, Ökonomin, Aktivistin, Mitgründerin des Social Justice Institute in München und Autorin des Buchs „Nie mehr leise. Die neue migrantische Mittelschicht“, so einfach wie treffend: „Wir müssen uns mit dem Erbe der Kirche auseinandersetzen, um aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen“, forderte sie zu Beginn ihrer Keynote. Dann zeigte die 43-Jährige verschiedene Dimensionen des Rassismus in Deutschland auf, einem Land, wo erst seit den Black Lives Matter-Protesten vor wenigen Jahren „Rassismus als Analysekategorie der Gegenwart anerkannt“ sei. Vorher, so Berhe, habe die Ansicht vorgeherrscht, es habe während des zweiten Weltkriegs Rassismus gegeben, den man dann nach Kriegsende hinter sich gelassen habe. Die Realität war und ist anders. Berhe führte den Begriff „Ausländer“ an und das Prinzip des „Othering“ also der „Fremdmachung“ als Konstruktion von Gegensatzpaaren wie „innen und außen“, „Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit“ oder „wir und die anderen“, die dazu genutzt werden, anhand von rassistisch intendierten Kategorien wie Hautfarbe, Religion oder Kultur Gruppen von Menschen zu konstruieren und diese dann abzuwerten. Sie betonte, dass Rassismus in Deutschland und die dazugehörigen Diskurse nicht nur auf der individuellen Ebene, also als so genannter Alltagsrassismus, stattfänden, sondern auch strukturell verankert seien. Wenn man in Deutschland aufwachse, werde man „automatisch durch die Kultur in diesem Land rassistisch sozialisiert“, erklärte die Autorin.
Als ebenso grundlegend für Rassismus erachtet Berhe die Klassengesellschaft und darin manifestierte Ungerechtigkeiten und Abwertungen als Basis für Ausbeutungsverhältnisse. Am unteren Ende: migrantische Personen. Migration werde kontrolliert vom Globalen Norden und nach Maßstäben ökonomischer Verwertbarkeit organisiert. Angesichts der Missstände und der legalisierten Inhumanität im europäischen Grenzregime sei „die Gleichgültigkeit, mit der wir diese Zustände akzeptieren, erschütternd“, sagte Berhe. Aber auch für die Menschen, die bis nach Deutschland durchkommen, geht die Ungerechtigkeit weiter: Alleine die Unsicherheit des Aufenthaltsstatus erzeuge Druck, auch die miserabelsten Jobs anzunehmen und zu halten. Die Bildungschancen seien ebenso ungleich, kritisierte Berhe. Migrantische Kinder hätten weniger Chancen und würden bei gleicher Leistung schlechter benotet.
Von der Kirche forderte Berhe in Anlehnung an Jesus als „Figur des Widerstands gegen Unterdrückung“ eine „radikale Praxis der Mitmenschlichkeit“ und die Anerkennung, dass Rassismus nicht nur als individuelles, sondern auch als strukturelles Problem innerhalb der Kirche existiert. Ihre Antwort auf die Frage „Was tun?“ lautet: „Ihr müsst wütend sein über die Verhältnisse und euch organisieren. Seid unangenehm für die Mächtigen und Zufluchtsort für alle Unterdrückten, ohne Applaus dafür zu verlangen. Oder fragt Euch einfach: Was würde Jesus heute tun?“

Daniela Konrädi ist seit 2023 Referentin für ökumenische Bildungsarbeit mit Schwerpunkt Rassismuskritik in der Nordkirche. Sie will Rassismuskritik „zu einem gesamtgesellschaftlichen und gesamtkirchlichen Thema“ machen. Ihre Zielsetzung formulierte sie so: „Es geht für mich um nichts geringeres, als um die zukünftige Kirche, die wir zu schaffen haben, die alle Menschen, wirklich alle Menschen in den Blick nimmt. Die wirklich offen ist, und ein sicherer Ort für alle Menschen. Eine Institution, die auch innerhalb ihrer eigenen Strukturen für gerechte Lebensbedingungen sowie Beteiligungs- und Aufstiegschancen wirklich aller Menschen Verantwortung trägt.“ Als afro-deutsche Pastorin hat sie ähnliches erlebt wie Emmanuel Ndoma: Neben Menschen, die sich offen zeigen und gegen Rassismus engagieren, gebe es nach wie vor „Ausgrenzung und Zurückweisung gegen People of Colour in unserer Kirche“. Auch sie habe erlebt, dass Menschen nicht zulassen, dass sie deren Angehörige beerdige, „weil sie eine ordentliche Beerdigung haben wollen“. Zu „einer ordentlichen Beerdigung“ gehöre „in deren Augen eine ordentliche Pastorin, sprich: eine weiße Pastorin, am allerliebsten ein weißer Pastor“. Beschwichtigungen kennt sie ebenfalls. Wenn sie über Rassismus berichte, werde ihr immer wieder gesagt, das sei „nicht böse gemeint“, schilderte Konrädi die Lage der Dinge in Sachen innerkirchlicher Sensibilität für Rassismus.
Auch angesichts einer immer bunteren und stärker multikulturell zusammengesetzten Bevölkerung forderte Konrädi, Mitarbeitende in kirchlichen Einrichtungen müssten regelmäßig rassismuskritisch aus- und fortgebildet werden. Auf die Frage, an welchen Hebeln angesetzt werden könnte, um kirchlichen Strukturen hin zu einer rassismussensiblen und im besten Fall rassismusfreien Kirche zu verändern, plädierte die Referentin dafür, auch Top-Down-Strategien in den Blick zu nehmen und das Thema Rassismus in den Landessynoden einzubringen. Das sei in der Nordkirche „der Schlüssel“ gewesen, unter anderem auch ihre Stelle als Referentin mit Schwerpunkt Rassismuskritik zu schaffen.
Was folgt aus alldem auch in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern? – Maria Stettner, Referentin für Ökumene und Interreligiösen Dialog bei der ELKB, brachte es am Schluss des Studientags noch einmal auf den Punkt: „Wir hatten das Thema lange nicht auf dem Schirm. Wir müssen etwas tun.“