Hanns Hoerschelmann spricht über seine neue Aufgabe als Beauftragter der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB) für das Jubiläum „500 Jahre Confessio Augustana“ und darüber, wie diese Arbeit sich mit seiner halben Stelle als Teil des Direktoriums von Mission EineWelt gewinnbringend vereinbaren lässt.
Sie haben zusammen mit Maral Zahed in der ELKB die Aufgabe übernommen, das Jubiläum „500 Jahre Confessio Augustana“ vorzubereiten, das 2030 gefeiert wird. Was reizt Sie an dieser Aufgabe?
Was mich als Theologe reizt, ist die Aufgabe, eine scheinbar alte theologische Aussage in die aktuelle Situation zu übersetzen. Besonders die ersten Artikel der Confessio Augustana beschreiben bis heute gültige Glaubensgrundsätze. Es geht um den dreieinigen Gott, es geht um die Kirche. Es geht aber auch um uns als Menschen und unsere Beziehung zu Gott und zu dieser Welt. Und: Die Confessio Augustana ist von ihrer Grundausrichtung her ein Gesprächsangebot. Deshalb möchte ich weniger die Historie feiern, sondern vielmehr uns als Kirche ins Gespräch bringen. Das kann im Rahmen von künstlerischen Umsetzungen des Themas ‚Bekennen‘ sein – in Theaterstücken, Musik- und Chorprojekten oder in Ausstellungen. Aber auch öffentliche Vortragsreihen, bei denen Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Zusammenhängen das Thema betrachten, böten sich an. Direkt in Augsburg könnten self-guided Rundgänge oder Führungen zu einer Auseinandersetzung mit dem Thema anregen. Mit der ‚Lutherstiege‘ im Annahof oder der digitalen Lauschtour zu ‚Luther in Augsburg‘ ist hier auch schon vieles vorhanden. Ich denke, da ist sehr viel möglich. Die Herausforderung liegt darin, ob und wie wir das, insbesondere aufgrund finanzieller Herausforderungen, umsetzen können. Da erhoffe ich mir ein Zusammenspiel von Kirche, Politik und Wirtschaft.
Sie haben von der Herausforderung der Übersetzung in die heutige Zeit gesprochen. Wie gehen Sie an diese Aufgabe ran?
Ich verbildliche das gerne in Form von drei konzentrischen Kreisen. Im inneren sind wir als lutherische Kirche – lokal und global. So ein Jubiläum kann und soll ja auch ein Stück Selbstvergewisserung sein. Wir haben als Kirche in dieser Welt etwas zu sagen und anzubieten. Oder anders gesagt: Die Grundlage unseres Lebens und Handelns als Christenmenschen und als Kirche ist das Evangelium, die Hoffnungsbotschaft der Liebe Gottes. Sie gilt es immer wieder neu zu endeckten. Als persönliche Kraft- und Lebensquelle und als Kraftquelle für die Herausforderungen dieser Zeit.
Der zweite Kreis betrifft die Ökumene. Mir ist wichtig, dass wir das Jubiläum von Anfang an ökumenisch gestalten – und das meine ich nicht nur bezogen auf das Verhältnis der evangelischen zur römisch-katholischen Kirche. Gerade in einer Zeit, in der auf politischer Ebene eine gewisse Tendenz zur Abschottung in „Echokammern“ um sich greift, sollten wir als Kirchen die Chance nutzen und zeigen, dass sich ehrlicher, offener und konstruktiver Dialog lohnt, dass wir bei aller Unterschiedlichkeit miteinander im Gespräch bleiben und sogar zu Verständigung und Versöhnung fähig sind. In gewisser Weise geht es darum, das Gesprächsangebot der Confessio von vor 500 Jahren weiterzuführen und auch gerade die Ausgrenzungen von Andersgläubigen, wie zum Beispiel den Wiedertäufern, kritisch zu hinterfragen. Da hat sich schon einiges getan, aber der Prozess der Aussöhnung muss weitergehen. Das sind wir als Kirche der Welt schuldig.
Der dritte Kreis ist die Welt oder die Gesellschaft. Auch wenn wir in Deutschland als Institution Kirche kleiner werden, so schmälert das nicht die Botschaft, die wir verkünden und anbieten. Dies zu bekennen, dabei aber offen und dialogfähig zu bleiben, das wäre für mich die Stoßrichtung, in der ich das Jubiläum begehen möchte. Und was mir natürlich auch wichtig ist: Ich möchte, dass dieses Jubiläum Freude macht.
Als Direktor von Mission EineWelt und für die Vorbereitung des Jubiläums der Confessio haben Sie jeweils eine halbe Stelle. Zwei halbe Stellen auf diesem Niveau sind ja erfahrungsgemäß mehr als eine ganze. Wie teilen Sie sich die Arbeit ein, um beiden Aufgaben gerecht zu werden?
Grundsätzlich ist es so, dass ich mich bei Mission EineWelt nicht langweile. Die Transformationsprozesse unserer Kirche betreffen natürlich auch uns als landeskirchliche Einrichtung. Und diese Prozesse haben ja nicht erst 2026 begonnen. Umstrukturierungen, Einsparungen und auch thematische Fokussierungen – das sind Herausforderungen, die uns bei Mission EineWelt schon immer begleitet haben. Außerdem stelle ich fest, dass das Thema der weltweiten ökumenischen Verbindungen in den innerkirchlichen Debatten im Moment eher in den Hintergrund tritt. Es muss immer wieder neu begründet werden, wo der Mehrwert dieser Arbeit liegt – auch hier in der bayerischen Landeskirche. Das geht vielen Bereichen in der Kirche so. Aber ähnlich wie im politischen Raum drohen Themen wie Entwicklungszusammenarbeit, internationale Partnerschaften oder sogar die Idee des Multilateralismus im Moment eher hinten runterzufallen. In diesem Zusammenhang erhoffe ich mir vom 500. Jubiläum der Confessio Augustana Impulse. Denn aus dem anfangs sehr lokalen Bekenntnis ist ja längst eine globale Identitätsschrift geworden. Beide Perspektiven – die lokale und die globale – miteinander zu verbinden, ist für mich eine spannende Aufgabe und lässt sich eben sehr gut mit meinem aktuellen Arbeitsfeld bei Mission EineWelt verbinden. Neudeutsch würde man wohl von Win-Win sprechen. Gerade die Schnittflächen machen diese Kombination für mich so reizvoll.
Ich lebe die weltweite Perspektive kirchlicher Partnerschaftsarbeit in unserer Landeskirche und mich begleitete die Arbeit des Lutherischen Weltbundes mindestens seit meiner Zeit als Pfarrer und Dozent in Hongkong. Beide Perspektiven werden hoffentlich mein Berufsleben noch weiter begleiten und bereichern. Denn, wie gesagt: Am Ende geht es ja auch darum, die weltweiten Perspektiven für die Herausforderungen, vor denen wir als ELKB stehen, zu entdecken und fruchtbar zu machen.
Was die organisatorische Seite angeht, so versuche ich, mindestens einmal die Woche für ein bis zwei Tage in Augsburg zu sein. Im Büro der Regionalbischöfe des Kirchenkreises Schwaben-Altbayern sind wir mit der Stelle Confessio Augustana 2030 freundlich aufgenommen worden und genießen eine super Unterstützung. Und dass wir bei Mission EineWelt ein großartiges Team haben, das verlässlich und kreativ ist – darauf kann ich bauen.
Wie und wo können wir die Partnerschaftsarbeit und die Vernetzung im Lutherischen Weltbund für die weitere Entwicklung der bayerischen Landeskirche nutzen?
Für mich war und ist es immer spannend zu erleben, dass wir als lutherische Christinnen und Christen in ganz unterschiedlichen Kontexten und Kulturen unterwegs sind. Und da hat eben das gemeinsame Bekenntnis sowohl etwas verbindendes als auch eine Weite, die diese Unterschiedlichkeit aushält.
Und wenn ich auf unseren eigenen Kontext schaue, auf all die – meist unfreiwilligen – Verkleinerungs- und Transformationsprozesse, dann höre ich oft eher Klagen oder spüre eine niedergedrückte Stimmung: Wir werden kleiner, haben weniger Geld oder sind nicht mehr Mehrheitskirche. Doch viele Kirchen auf der Welt leben in genau dieser Situation, und sie tun das mit Kraft, Selbstbewusstsein und Gottvertrauen. Deshalb bietet für mich die Kombination zwischen meiner Tätigkeit bei Mission EineWelt und dem Jubiläum der Confessio viele Möglichkeiten, beide Perspektiven zu verbinden und mit anderen neu zu entdecken. Langweilig wird das auf alle Fälle nicht!
Ein weiterer Aspekt, der unsere eigenen gesellschaftlichen und kirchlichen Veränderungsprozesse bestimmt, ist die Tatsache, dass wir in beiden längst global unterwegs sind. Unsere eigene Gesellschaft in Deutschland ist wesentlich vielfältiger geworden. Als Kirche sind wir Teil dieser Vielfältigkeit und erleben diese nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung. Wenn wir das in unsere Gesellschaft vermitteln können, könnten wir dort ein positives Gegenbild zu Angst, Fremdenhass und Menschenverachtung platzieren. Für mich hat die neue Aufgabe in Augsburg also im guten Sinne etwas Missionarisches: Ich möchte das Jubiläum dazu nutzen, über das, was wir glauben, ins Gespräch zu kommen – innerkirchlich, ökumenisch, gesellschaftlich. Und das im Dialog und mit Respekt!