Beides stimmt. Eine russlanddeutsche evangelische Frau besucht ihre Freundin in Almaty, Kasachstan. Die aserbaidschanische muslimische Freundin geht dort zum Beten gerne in die russisch-orthodoxe Kirche. Das tröstet sie und gibt ihr Kraft, gerade auch, wenn sie harte Schicksalsschläge zu tragen hat. Das bekräftigt die evangelische Frau darin, dass sie zum Beten gerne auch in die katholische Kirche gehen kann.

Kirchengebäude sind gut. Aber Gott wohnt im Himmel, und wohnt im Herzen.

Die evangelische Frau erinnert sich auch daran, wie sie als Kind damals in Kasachstan getauft wurde, in sowjetischer Zeit. Es war ein geheimes Treffen, nachts, aber viele aus dem Dorf waren da. Viele muslimische Nachbarn, die dabei waren, haben sich auch taufen lassen. Nicht als Konversion, oder Bekenntnis zum Christentum. Nein, sondern weil der Wanderpfarrer als Heiliger Mann galt, als Person mit einer besonderen religiösen Rolle, und vor allem, weil der Segen des einen Gottes guttut. Vermutlich wäre das einigen islamischen Theologen suspekt, auch die damals aggressiv antireligiöse Kommunistische Partei hätte diese Art von Vergeschwisterung vermutlich nicht befürwortet. Lutherisch-theologisch würde ich das jetzt auch nicht als Taufe bezeichnen. Aber in ihrer Erinnerung nennt sie es so.

Sie ist gerne evangelisch, in stolzer Familientradition. Sie legt in ihrem Leben Wert auf Ehrlichkeit, Gewissenhaftigkeit und ihr eigenes Empfinden. Sie betet gerne das Vaterunser, auf Russisch, auch für sich daheim. Wie sie es von ihrer russischen Mutter gelernt hat. Religiöse oder kirchliche Autoritäten oder Organisationen oder Institutionen sind ihr eher suspekt. Sie müssen sich erst als vertrauenswürdig erweisen. Es braucht dazu Menschen, die auch ehrlich und glaubwürdig sein wollen, die mit Herzen bei der Sache sind, und mit Empathie.

Ich finde diese selbstbestimmte Art, glauben zu wollen, sehr ansprechend, auch sehr modern und zeitgemäß. Und ich wünsche mir christliche Kirchen und andere religiöse Traditionen, Gemeinschaften und Organisationen so, dass sie Menschen dabei helfen und unterstützen, ihre je eigenen Wege gut gehen zu können.

Gott lebt im Himmel, und im Herzen.

Und ich wünsche mir, dass wir dafür da sind, dass die Weite und die Vielfalt des christlichen Glaubens heute auf der ganzen Welt, in unseren Umgebungen unterstützt werden kann. Jede und jeder auf ihre oder seine Weise. Bei aller Kritikfähigkeit, die da erst recht wichtig ist. Nicht alles ist hilfreich.

Ich wünsche mir einen einfachen Zugang zur Liebe Gottes für viele Menschen. Mit dem weiten Horizont der Welt, mitten unter uns.

 

Andacht: Gottfried Rösch, Referat Mission Interkulturell, Mission EineWelt

Illustration: Daniela Denk, Öffentlichkeitsarbeit, Mission EineWelt