Illustration: Heike Halbmann

Illustration: Heike Halbmann

 

Kann denn ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen? Lukas 6,39

 

Kennen Sie das, „blind“ zu sein? – Rein physisch, also Schwierigkeiten beim Sehen zu haben, verschwommen oder gar nichts zu sehen, im Dunkeln zu tappen? – Oder mehr kognitiv, psychisch, emotional, sich nicht auszukennen, sich verloren zu fühlen, keine Orientierung zu haben, nicht zu wissen wohin?

Wie gut ist es in solchen Situationen, jemanden zu haben, der einem weiterhilft, die Richtung weist, einem Orientierung gibt. Aber Jesus warnt hier im Lukasevangelium auch davor, falschen Wegweisenden oder Führer*innen hinterherzulaufen. Nur weil jemand meint, den Weg zu wissen, muss dieser noch lang nicht richtig sein, sondern kann auch in die Irre führen und sich als verhängnisvoll erweisen.

Jesus betont hier, dass es eher um eine gemeinsame Suche, um ein Miteinander-auf-dem-Weg-Sein gehen sollte und nicht darum, dass alle einem*einer blindlings folgen.

Für die gemeinsame Suche nach dem richtigen Weg hat Gott uns das Doppelgebot der Liebe als Richtschnur zur Orientierung gegeben. „Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Respekt und Ehrfurcht vor Gott, unserem Schöpfer, Respekt vor der Würde unserer Mitmenschen und Mitgeschöpfe: Wenn wir unser Leben danach ausrichten und uns in diesem Sinne gemeinsam auf den Weg machen, dann, so die biblische Verheißung, wird dieser Weg nicht in die Irre führen, sondern zu einem guten Leben für alle Menschen im Einklang mit der Natur, Gottes Schöpfung.

Amen.

 

Andacht: Gisela Voltz, Referat Entwicklung und Politik, Mission EineWelt

Illustration: Heike Halbmann, Öffentlichkeitsarbeit, MissionEineWelt

 

 

He also told them this parable: “Can the blind lead the blind? Will they not both fall into a pit? Luke 6:39

 

Do you know what it is like to be „blind“? – Purely physical, that is, having trouble seeing, seeing blurry or nothing at all, being in the dark? – Or more cognitive, psychological, emotional, not knowing your way around, feeling lost, having no direction, not knowing where to go?

How good it is in such situations to have someone to help you along, to point you in the right direction, to give you orientation. But Jesus also warns here in Luke’s gospel not to run after false guides or leaders. Just if someone thinks he knows the way that does not necessarily mean it is the right way; it can also lead into error and prove itself as disastrous.

Jesus emphasizes here that it should rather be about a common search, about being together on the way and not that all follow one blindly.

For our common search for the right path, God has given us the double commandment of love as a guideline for orientation. „You shall love God and your neighbor as yourself.” Respect and reverence for God, our Creator, respect for the dignity of our fellow human beings and fellow creatures. If we orient our lives according to this and set out together in this sense, then, according to the biblical promise, this path will not lead us astray, but to a good life for all human beings in harmony with nature, God’s creation.

Amen.

 

Prayer: Gisela Voltz

Illustration: Heike Halbmann

In einem Aufruf vom 13. Januar 2021 sprechen sich 70 Wirtschaftswissenschaftler*innen für die Einführung eines Lieferkettengesetzes in Deutschland aus. Das Vorhaben ist zwischen den Koalitionsparteien seit Monaten umstritten. In dem Aufruf setzen sich die unterzeichnenden Ökonom*innen, darunter auch die Wirtschaftsethiker Peter Ulrich und Bernhard Emunds, dafür ein, dass Deutschland die menschenrechtlichen und umweltbezogenen Sorgfaltspflichten von Unternehmen gesetzlich regelt. Aus wirtschaftswissenschaftlicher Perspektive sei ein Lieferkettengesetz notwendig und machbar.

Hansjörg Herr, einer der Initiator*innen des Aufrufs, erläutert: „Am Weltmarkt haben sich Lieferketten durchgesetzt, die zu erheblichen sozialen und ökologischen Kosten führen – das ist ein Markt- und Politikversagen. Ein umfassendes Sorgfaltspflichtengesetz kann dem entgegenwirken.“ Elisabeth Fröhlich, Präsidentin der CBS International Business School, ergänzt: „Gerade Deutschland mit seinen hohen Leistungsbilanzüberschüssen und der ökonomischen Abhängigkeit vom Welthandel muss eine regulierte nachhaltige Globalisierung fördern, damit die hiesige Wirtschaft zukunftsfähig bleibt.“

Der Mitunterzeichner Frank Hoffer, langjähriger Mitarbeiter der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und ehemaliger Geschäftsführer von ACT, der Initiative von Textilunternehmen und Gewerkschaften für existenzsichernde Löhne in der Textilindustrie, macht deutlich: „Ein Lieferkettengesetz verhindert unerwünschte Wettbewerbsvorteile durch schlechtere Arbeitsbedingungen, Armutslöhne oder unterlassene Investitionen in Arbeits- und Umweltschutz. Die Leistungen von Unternehmen, die sich schon jetzt für nachhaltige Lieferketten engagieren, werden durch ein solches Gesetz anerkannt und andere Unternehmen werden motiviert es ihnen gleich zu tun.“

Menschenrechts-, Entwicklungs- und Umweltorganisationen sowie Gewerkschaften und kirchliche Akteur*innen fordern schon lange die Einführung eines wirksamen Lieferkettengesetzes. Dazu haben sie sich zur „Initiative Lieferkettengesetz“ zusammengeschlossen. „Wir begrüßen den Aufruf, denn er zeigt, wie wichtig ein Lieferkettengesetz auch aus ökonomischer Perspektive ist. Die Bundesregierung hat ein Lieferkettengesetz im Koalitionsvertrag zugesagt. Doch die Legislaturperiode endet bald – die Zeit zu handeln ist also jetzt“, betont Johanna Kusch, Sprecherin der Initiative Lieferkettengesetz.

Das Bündnis umfasst mittlerweile 123 Organisationen, darunter auch MiussionEineWelt.

Der Aufruf von 70 Ökonom*innen zur Einführung eines Lieferkettengesetzes in Deutschland findet sich hier: https://www.business-humanrights.org/de/neuste-meldungen/aufruf-gesetz-oekonominnen/

Illustration: Heike Halbmann

Illustration: Heike Halbmann

 

Lasst uns mit Danken vor sein Angesicht kommen und mit Psalmen ihm jauchzen! Psalm 95, 2

 

Lasst uns mit Danken vor sein Angesicht kommen … ich gebe zu, dass mir das nicht immer gelingt. Es gibt Zeiten, in denen ich mich eher im Gedicht „Warum ich gott so selten lobe“ von Dorothea Sölle wiederfinde. Es endet mit der schönen Zeile: „Außerdem hätte ich nichts gegen gott/wenn er sich an seine versprechen hielte.“

Umso erstaunter war ich deshalb zu lesen, dass die gleiche Dorothea Sölle bei einem Glas Wein dieses aus ihrer persönlichen Frömmigkeitspraxis verriet: „Ich habe mir etwas vorgenommen. Ich habe mir angewöhnt, jeden Tag drei Dinge zu finden, für die ich Gott loben kann. Für mich ist dies eine geistlich-politische Übung von hohem Wert und ein Antidepressivum von großer Kraft.“

(Quelle: Waldemar Pisarski, Auch am Abend wird es Licht sein. München, 4. Aufl. 2017)

Ja, es mag uns nicht immer auf der Zunge liegen, der Dank und das Lob Gottes. Aber wir können es üben. Und es wirkt. Der Beter des Psalms wusste es schon lange …

 

Andacht: Klaus Dotzer, Referat Afrika, Mission EineWelt

Illustration: Heike Halbmann, Öffentlichkeitsarbeit, Mission EineWelt

 

 

Let us come into his presence with thanksgiving; let us make a joyful noise to him with songs of praise! Psalm 95:2

 

Let us come into his presence with thanksgiving … I admit that I don’t always succeed with this. Sometimes I rather tend to find myself in Dorothea Sölle’s poem „Why I so rarely praise God“. It ends with the beautiful line: „Besides, I wouldn’t mind God/if he kept his promises.“

I was therefore all the more surprised to read that the same Dorothea Sölle, over a glass of wine, revealed this from her personal practice of piety: „I have made a resolution. I have made a habit of finding three things every day for which I can praise God. For me, this is a spiritual-political exercise of great value and an antidepressant of great power.“

(Source: Waldemar Pisarski, Auch am Abend wird es Licht sein. Munich, 4th ed. 2017)

Yes, it may not always be on the tip of our tongue, thanksgiving and the praise of God. But we can practise it. And it changes our life. The writer of Psalm 95 knew it long ago …

 

Prayer: Klaus Dotzer

Illustration: Heike Halbmann

Illustration: Heike Halbmann

Illustration: Heike Halbmann

 

 

RESPONSIBILITY

 

But what think ye? A man had two sons; and he came to the first, and said, Son, go work today in the vineyard. And he answered and said, I will not: but afterward he repented himself, and went. Matthew 21:28, 29

 

Envy, resentment and strife.

These are the topics of those stories in the Old Testament that mention brothers. Jacob and Esau. Ishmael and Isaac. Cain and Abel, and so on: „Stories of brothers“ are a metaphor for the fact that kinship is no guarantee of peace and that similarity does not mean equality. On the contrary.

In his parable, Jesus gives a special twist to this kind of storytelling. The brothers are nameless, and yet the difference between them is marked in a distinctive way. One of them says, „I don’t want to!“ when asked to work in the vineyard by his father.

How modern that sounds! How individualistic! Parents with children in puberty immediately feel reminded of them: „I don’t want to!“

But one or the other may also think of a fellow human being who shirks responsibility for the world. Who may even openly and clearly say, „I don’t want to!“

Surprising how Jesus ends the parable. The brother who said, „I don’t want to,“ is the one who then does it.

Maybe defiance and refusal are not the final chapter of the matter.

After all, anyone who has ever been a child knows what it means to gain an insight. Doing the right thing, even if you were against it before. That’s how responsibility comes to life. Hopefully.

 

Prayer: Sung Kim

Illustration: Heike Halbmann

Illustration: Heike Halbmann

Illustration: Heike Halbmann

 

Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eines von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er’s findet? Lk. 15,4

 

Das Bild von der Schafherde und dem Hirten, das Jesus gebraucht, um die Liebe Gottes zu uns Menschen zu veranschaulichen, war aus den Alltagserfahrungen der Menschen damals entlehnt. Sie wussten, Schafhaltung ist harte Arbeit mit wenig Ertrag, deshalb ist jedes Tier wichtig, zählt jedes Schaf.

Wenn man in unserer heutigen Industriegesellschaft überhaupt einmal eine*n Schäfer*in mit seinen*ihren Schafen zu Gesicht bekommt, dann hinterlässt das eher einen beschaulichen Eindruck. Man könnte meinen, die Hauptarbeit verrichten die Hütehunde, während der*die Schäfer*in gemütlich dabeisteht. Wir sehen und wissen nicht, was da für eine Arbeit dahintersteckt. Für Schäfer*innen gilt aber heute noch genauso: Schafhaltung ist harte Arbeit mit wenig Ertrag. Das ist der Hauptgrund, warum wir heute so selten Schäfer*innen mit ihren Schafen übers Land ziehen sehen. Man muss diesen Job lieben, denn modernen Kosten-Nutzen-Rechnungen hält er kaum stand.

So spricht dieses fast antiquiert wirkende Bild auch heute noch zu uns. Gott muss uns wirklich lieben, wenn er sich so viel Mühe mit uns Menschen macht. Jeder Mensch zählt für ihn, jede*r ist wichtig. Wir können uns bis zu heutigen Tag darauf verlassen: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln …

 

Andacht: Günter Fischer, Tagungsstätte, Mission EineWelt

Illustration: Heike Halbmann, Öffentlichkeitsarbeit, Mission EineWelt

 

 

What man is there among you who has a hundred sheep and, if he loses one of them, does not leave the ninety-nine in the wilderness and go after the one that is lost until he finds it? Lk 15:4

 

The image of the flock of sheep and the shepherd that Jesus uses to illustrate God’s love for us humans was borrowed from the everyday experiences of people at that time. They knew sheep herding is hard work with little return, so every animal is important, every sheep counts.

In today’s industrial societies, if you ever see a shepherd with his sheep, it leaves a rather contemplative impression. One could think that the main work is done by the herding dogs, while the shepherd stands comfortably by. We do not see and do not know what kind of work is behind it. For shepherds today, however, it is still just as true: Sheep herding is hard work with little return. This is the main reason why we see so few shepherds roaming the countryside with their sheep today. You have to love this job, because it hardly stands up to modern cost-benefit calculations.

So this almost antiquated image still speaks to us today. God must really love us if he takes so much trouble with us humans. Every person counts for him, every person is important. We can rely on it to this day: The Lord is my shepherd, I shall not want …

 

Prayer: Günter Fischer

Illustration: Heike Halbmann

Illustration: Daniela Denk

Illustration: Daniela Denk

 

Ein neues Jahr beginnt, und wir nehmen die Herausforderungen, vor die wir gestellt werden, wieder neu an. Ich wünsche Ihnen allen an dieser Stelle ein gesegnetes neues Jahr und einen guten Start in die kommenden Monate. Wir beginnen die Reihe der Andachten im Jahr 2021 wie immer mit der Jahreslosung:

Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist! Lukas 6,36

Man kennt es aus der Weltpolitik der letzten Jahre: Der US-Präsident erhebt Strafzölle auf Waren aus China, und Peking revanchiert sich umgehend. Und seit sich China für Afrika interessiert, eskaliert dort der Kampf um Einfluss, Bodenschätze und Land. Andere Staaten ahmen Chinas Verhalten nach. Wie wird das enden? Man ahnt es. Der eine ahmt den anderen nach und versucht, ihn dabei zu übertreffen, um die Oberhand zu gewinnen.

Der Religionswissenschaftler René Girard nennt diesen Kreislauf von Nachahmung einen „mimetischen Konflikt“. Der Mensch ist ein mimetisches Tier, dessen Wesen die Nachahmung ist. Sobald einer ein Objekt begehrt, weckt er das Begehren des anderen. So entsteht eine mimetische Rivalität zwischen den Menschen. Und wenn niemand diesen Kreislauf durchbricht, steigert er sich bis zum Äußersten. Girard zeigt, wie viele antike Mythen auf dieser Mechanik basieren. Sündenböcke müssen gefunden werden, und am Ende stirbt der opferbereite Held.

Das Judentum und das Christentum aber wurden sich bewusst, dass diese Form der Konfliktlösung unmenschlich ist und letztlich keinen Ausweg aus der Krise weist. Die Evangelien schließlich machen Schluss mit diesem Kreislauf der Gewalt bis zum Äußersten. Jesus kommt in die Welt, um ihr die Augen zu öffnen. Er weiß, dass man die mimetische Natur des Menschen nicht ändern kann. Aber man kann sie umlenken. Sie sollen ihm nacheifern, dem machtlosen Messias. Sie sollen nicht um das Böse und um Macht wetteifern, sondern um das Gute: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ Die Jahreslosung für dieses Jahr ist unsere Aufgabe, um Wege aus dem Gewirr der Konflikte zu finden.

 

Andacht: Gabriele Hoerschelmann, Direktorin Mission EineWelt

Illustration: Daniela Denk, Öffentlichkeitsarbeit, Mission EineWelt

 

Literaturhinweis: René Girard: Das Ende der Gewalt, Analysen des Menschheitsverhängnisses, 2009.

 

 

In the world politics of the past years it seems to be familiar to us: The US President implements punitive duties for imported goods from China. Immediately Beijing seeks revenge. And since China is interested in Africa, the struggle for influence, natural resources and land is escalating. Other countries imitate China. How will this end? We can only imagine. One will imitate the other and tries to beat him in order to win.

René Girard, a professor for Religious Studies, calls these circles of imitation “mimetic conflicts”. The human being is a mimetic creature and his nature is imitation. As soon as somebody desires an object, it stimulates the desire of somebody else. This way the mimetic rivalry among humans evolves. And if nobody stops this circle, it will be carried to the extremes. Girard shows how the mythologies of the antiques are based on this mechanism. Scapegoats must be found and in the end, the heroe willing to make sacrifices must die. However, Judaism and Christianity became aware that this way of conflict resolution is inhuman and does not show the way out of the crisis. The gospel finally ends this circle of violence. Jesus came into the world to open our eyes. He knew that one cannot change the mimetic nature of the people. But one can divert it. They shall imitate him, the powerless Messiah. They shall not compete for power and the evil but for the good: “Have mercy, as your father has mercy!” The watchword for this year is our task and shows us the way out of the many conflicts around us.

 

Prayer: Gabriele Hoerschelmann

Illustration: Daniela Denk

Illustration: Daniela Denk

Illustration: Daniela Denk

 

Wir schließen ein turbulentes Jahr ab, in dem die Menschheit schwierige Momente und dunkle Zeiten erlebt hat. Die Heilige Nacht ist die Gelegenheit, sich daran zu erinnern, dass Jesus kommt, um das Leben der Menschen zu erhellen. Gott kommt durch seinen Sohn in die Welt. Aber wann und wie wird dieser Moment offenbart?

Beim Lesen der Weihnachtsgeschichte im Lukasevangelium fällt mir auf, dass die besonderen Überbringer der guten Nachricht die Hirten sind. Und die Botschaft kommt nicht direkt zum Kaiser oder zu den religiösen Autoritäten, sondern sie erreicht zuerst die Menschen, die am meisten durch die Strukturen der politischen Macht geschädigt sind. Die Geburt Jesu ist in einem politischen, sozialen und kulturellen Kontext gestellt, in dem die Menschen hoffnungslos, verängstigt, überfordert sind aufgrund der „PAX ROMANA“. In der Erzählung des Lukas repräsentieren die Hirten den Klassenkonflikt, einen Konflikt, der auch heute noch andauert, voller Stereotypen und Ungerechtigkeiten. Jesus wird an einem bescheidenen Ort geboren, umgeben von Tieren im Stall, von einfachen Leuten als Zeugen, den Hirten. Jesus ist derjenige, der allen Menschen nahe ist. Die Liebe und Barmherzigkeit Gottes, die sich in Jesu Geburt ausdrückt, ist der Gegenentwurf zu den oft abgehobenen und nicht selten auch gnadenlosen Mächtigen von damals und heute.

Lukas erzählt von der bescheidenen Umgebung, in der Jesus geboren wird. Genau da hinein kommt der Engel, der den Frieden im Namen Gottes verkündet. Das Kind wird vom Engel „Retter“ genannt, Christus, der Herr. Im Licht dieser Verkündigung beenden wir dieses düstere Jahr mit der Hoffnung auf eine helle Zukunft, indem wir auf Gott vertrauen und uns über jede Gelegenheit freuen, die er uns gibt, um unsere Herzen zu erneuern.

Wir beten: Gott, Vater, hilf uns, die Feier Deines Heilshandelns nicht auf eine private und familiäre geistliche Dimension zu reduzieren. Wir beten für Familien und Gesellschaften, die keinen Frieden haben, für Menschen, die immer noch unter Sklavenarbeitssystemen leben, für die Isolierten und Kranken in Krankenhäusern, für Migrant*innen wie Maria und Josef, für diejenigen, die Hunger, Arbeitslosigkeit und – wie Jesus – Verfolgung erleiden. Wir bitten Dich, dass Du unsere Kraft erneuerst, Gerechtigkeit im gesellschaftspolitischen Handeln umzusetzen. Deine Geburt zeigt uns an, dass ein neuer Tag anbricht, deshalb stärke unseren Glauben. Wir bitten Dich, dass Du weiterhin durch uns als Agent*innen des Wandels in den verschiedenen Bereichen des öffentlichen Raums und der Entscheidungsfindung wirkst. Hilf uns, nicht wegzuschauen, und hilf uns, uns denen zu helfen, die unsere Hilfe dringend brauchen. Hilf uns, dass unser Engagement das Ergebnis dessen ist, was Deine Gegenwart in der Welt darstellt.

Möge der Geist des Herrn mit Ihnen und Euch sein in der Heiligen Nacht. Frieden in unseren Herzen!

Amen.

 

Andacht: Sergio Ríos Carrillo, Ökumenischer Mitarbeiter für Menschenrechtsfragen im Referat Entwicklung und Politik, Mission EineWelt

Illustration: Daniela Denk, Öffentlichkeitsarbeit, Mission EineWelt

 

 

We are closing a turbulent year in which humanity has experienced difficult moments and dark times. Christmas Eve is the occasion to remember that Jesus comes to brighten people’s lives. God comes into the world through his Son. But when and how is this moment revealed?

Reading the Christmas story in Luke’s Gospel, I am struck by the fact that the special bearers of the good news are the shepherds. And the message does not come directly to the emperor or to the religious authorities, but it reaches first the people most damaged by the structures of political power. The birth of Jesus is placed in a political, social and cultural context where people are hopeless, frightened, overwhelmed because of the „PAX ROMANA“. In Luke’s narrative, the shepherds represent the class conflict, a conflict that continues today, full of stereotypes and injustices. Jesus is born in a humble place, surrounded by animals in a stable, by ordinary people as witnesses, the shepherds. Jesus is the one who is close to all people. The love and mercy of God expressed in Jesus‘ birth is the antithesis of the often aloof and not infrequently merciless powerful of that time and today.

Luke tells of the humble environment in which Jesus is born. Exactly there comes the angel who announces peace in the name of God. The child is called by the angel „Savior,“ Christ the Lord. In light of this proclamation, we end this somber year with hope for a bright future, trusting in God and rejoicing in every opportunity He gives us to renew our hearts.

We pray: God, Father, help us not to reduce the celebration of Your saving action to a private and family spiritual dimension. We pray for families and societies that are not at peace, for people who still live under slave labor systems, for the isolated and sick in hospitals, for migrants like Mary and Joseph, for those who suffer hunger, unemployment and – like Jesus – persecution. We ask You to renew our strength to implement justice in socio-political action. Your birth indicates to us that a new day is dawning, so strengthen our faith. We ask that You continue to work through us as agents of change in the various spheres of public space and decision-making. Help us not to look away, and help us to reach out to those who desperately need our help. Help us to see that our involvement is the result of what Your presence represents in the world.

May the Spirit of the Lord be with you and yours this Holy Night. Peace in our hearts!

 

Amen.

 

Prayer: Sergio Ríos Carrillo

Illustration: Daniela Denk

Illustration: Daniela Denk

Illustration: Daniela Denk

 

Gott, du bleibst, wie du bist und deine Jahre nehmen kein Ende. Ps. 102,28

 

Heute würde mein Großvater seinen 122. Geburtstag feiern – wenn er nicht schon vor 50 Jahren verstorben wäre. 122 Jahre, das geht, die Französin Jeanne Calment ist so alt geworden. Sie führt mit 122 Jahren und 164 Tagen die Liste der ältesten Menschen an, deren Lebensalter mit glaubwürdigen Daten belegt werden konnte. Und doch: Im Jahr 1997 ist auch sie gestorben. Kein Mensch lebt ewig. Das irdische Leben ist ein immerwährendes Werden und Vergehen.

Der Beter des 102. Psalms, aus dem die heutige Tageslosung ist, hat auch dieses Thema: Werden und Vergehen oder besser umgekehrt: Vergehen und Werden. Er hat wohl die Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier erlebt, die Mauern: geschliffen, der Königspalast: zerstört. Und das Schlimmste: der Tempel Salomos, ebenso zerstört und geschändet, die Bundeslade mit den Gesetzestafeln des Moses nach Babylon weggebracht. Das religiöse Zentrum Israels ausgelöscht. Das beklagt der Psalmbeter mit eindrücklichen Worten, aus denen man spürt, wie nahe ihm das alles geht, wie sehr es ihn persönlich trifft. Doch bleibt es nicht bei der Klage. Angesichts der Zerstörung bittet er Gott um Erbarmen, um einen Neustart, um ein Neuwerden, nachdem alle Herrlichkeit Jerusalems vergangen ist. An einem Tiefpunkt setzt er alle Hoffnung auf Gott, den Ewigen, dass er wieder Neues schafft.

Auch wenn wir nun bald wieder Weihnachten feiern, greifen wir dieses Motiv auf. In der längsten, dunkelsten Nacht des Jahres feiern wir, dass durch die Geburt Jesu Gottes Licht in der Dunkelheit aufscheint, uns Hoffnung gibt, die Hoffnung, dass Gott uns hält und trägt, was immer auch geschehen mag. Gott schenke uns immer wieder neu diese Erfahrung des Gehalten- und Getragen-Seins in allen Höhen und Tiefen des Lebens.

 

Andacht: Günter Fischer, Tagungsstätte, Mission EineWelt

Illustration: Daniela Denk, Öffentlichkeitsarbeit, Mission EineWelt

 

 

God, you remain as you are and your years have no end. Ps. 102:28

 

Today my grandfather would celebrate his 122nd birthday – if he hadn’t passed away fifty years ago. 122 years, that’s how old the French woman Jeanne Calment has become. At 122 years and 164 days, she heads the list of the oldest people whose age could be proven with credible data. And yet, in 1997, she too died. No human being lives forever. Earthly life is a perpetual process of becoming and passing away.

The man that prays the 102nd Psalm, from which today’s watchword is taken, also has this theme, becoming and passing away, or better, vice versa, passing away and becoming. He must have experienced the destruction of Jerusalem by the Babylonians, the walls: dragged down, the royal palace: destroyed. And, worst of all: the Temple of Solomon, also destroyed and desecrated, the Ark of the Covenant with the Tables of the Law of Moses taken away to Babylon. The religious centre of Israel extinguished. The psalmist laments this with impressive words, from which one senses how close all this is to him, how much it affects him personally. But the lament does not stop there. In view of the destruction, he asks God for mercy, for a new start, for a new beginning, after all the glory of Jerusalem has passed away. At a low point, he places all hope in God, the Eternal, that he will create something new again.

As we will soon be celebrating Christmas again, we take up this motive. In the longest, darkest night of the year, we celebrate that by the birth of Jesus, God’s light shines into the darkness, gives us hope, the hope that God will hold us and carry us, whatever may happen. May God give us again and again this experience of being held and carried in all the ups and downs of life.

 

Prayer: Günter Fischer

Illustration: Daniela Denk

Illustration: Daniela Denk

Illustration: Daniela Denk

 

Werdet nicht müde, Gutes zu tun! 2. Thessalonicher 3,13

 

Der Schreiber dieses Briefs an die Gemeinde in Thessalonich bittet die Gemeinde, nicht bequem und gleichgültig zu werden, sondern jede Gelegenheit zu nutzen, für andere da zu sein.

Dazu eine kleine Geschichte, die diesen Gedanken für mich sehr gut illustriert und auch für uns heute ein Ansporn sein kann, die Hoffnung nicht aufzugeben und nicht müde zu werden, uns um unsere Nächsten zu kümmern:

Nach einem schweren Orkan lief ein Kind am Meeresstrand entlang. Ihm bot sich ein Bild der Verwüstung: Treibholz lag kreuz und quer verteilt herum und dazwischen unzählige Seesterne, die vom Sturm an Land gespült worden waren und nun auf ihren gewissen Tod warteten.

Das Kind aber nahm behutsam einen Seestern nach dem anderen in die Hand und warf ihn ins Meer zurück, damit er überleben würde. Das beobachtete ein älterer Mann. Der ging auf das Kind zu und sagte zu ihm: „Hast du nicht gesehen, dass der ganze Strand voller Seesterne ist? Indem du dich hier abmühst, änderst du nicht das Geringste!“ Das Kind sah dem Mann tief in die Augen, rannte zum nächsten Seestern, hob ihn vorsichtig auf und warf ihn ins Meer zurück. „Doch“, sprach es, „für diesen einen hier wird es etwas ändern!“

 

Andacht: Gisela Voltz, Referat Entwicklung und Politik, Mission EineWelt

Illustration: Daniela Denk, Öffentlichkeitsarbeit, Mission EineWelt

 

 

Don´t get tired of well-doing! 2. Thessalonians 3:13

 

The writer of this letter to the community in Thessalonica asks the community not to become comfortable and indifferent, but to use every opportunity to be there for others. Here is a little story that illustrates this idea very well for me and can also be an incentive for us today not to give up hope and not to get tired of caring for our neighbors:

After a heavy hurricane, a child was walking along the seashore. It was confronted with a picture of devastation: driftwood lay scattered all over the place and in between countless starfish which had been washed ashore by the storm and were now waiting for their certain death. But the child gently took one starfish after another in his hand and threw it back into the sea so that it could survive. This was observed by an elderly man. He went up to the child and said to him, „Didn’t you see that the whole beach is full of starfish? By struggling here, you´re not changing the least!“ The child looked deep into the man’s eyes, ran to the next starfish, picked it up carefully and threw it back into the sea. „But,“ it spoke, „for this one here, it will make a difference!“

 

Prayer: Gisela Voltz

Illustration: Daniela Denk

Illustration: Daniela Denk

Illustration: Daniela Denk

 

… denn es gibt keine Treue, keine Liebe und keine Erkenntnis Gottes im Lande. Hosea 4, 1

 

Sie konnten wirklich granteln, die alten Propheten – aber hier stimme ich Hosea nicht zu und denke an diese Geschichte von Rolf Sättler:

Auf einer Halbinsel des Comer Sees träumt die Villa Arconati einsam vor sich hin. Nur der Gärtner lebt da, und er führt auch die Besucher*innen. Ein Besucher fragt ihn: „Wie lange sind Sie schon hier?“ – „24 Jahre.“ – „Und wie oft war die Herrschaft hier in dieser Zeit?“ – Viermal.“ – „Wann war das letzte Mal?“ – „Vor 12 Jahren. Ansonsten bin ich immer allein. Sehr selten, dass Besuch kommt.“ – „Aber Sie halten den Garten so gut instand, so herrlich gepflegt, dass Ihre Herrschaft morgen kommen könnte!“ Der Gärtner lächelt: „Oggi, Signore, oggi! Heute, mein Herr, heute!“

Ist das denn keine Treue, Liebe und Erkenntnis, auch Gottes, wie da ein Gärtner seine Arbeit macht? Das wünsche ich uns allen – heute.

 

Andacht: Klaus Dotzer, Referat Afrika, Mission EineWelt

Illustration: Daniela Denk, Öffentlichkeitsarbeit, Mission EineWelt

 

 

There is no faithfulness or steadfast love, and no knowledge of God in the land … Hosea 4:1

 

They could really grumble, the old prophets – but here I disagree with Hosea and think of this story by Rolf Sättler:

On a peninsula of Lake Como, the Villa Arconati dreams lonely away. Only the gardener lives there, and he also guides the visitors. A visitor asks him, „How long have you been here?“ – „Twenty-four years.“ – „And how many times has the lordship been here in that time?“ – Four times.“ – „When was the last time?“ – „Twelve years ago. Other than that, I’m always alone. Very rarely do visitors come.“ – „But you keep the garden so well, so beautifully tended, that your lordship could come tomorrow!“ The gardener smiles: „Oggi, signore, oggi! Today, my friend, today!“

Is that not faithfulness, love and knowledge, even of God, as this gardener does his work? And that is what I wish for all of us – today.

 

Prayer: Klaus Dotzer

Illustration: Daniela Denk